Ellen Demuth MdB im Interview mit der Siegener Zeitung:
Lesen Sie im Folgenden das Interview von Ellen Demuth mit der Siegener Zeitung, erschienen in der Ausgabe vom Montag, 12. Januar 2026:
Wirtschaftsstagnation, Rentenkrise, geopolitische Umbrüche: die Bundestagsabgeordnete Ellen Demuth (CDU) erklärt im SZ-Interview, was sich jetzt ändern muss – und weshalb Europa Gefahr läuft, an Einfluss zu verlieren
Von Achim Dörner
K R E I S A L T E N K I R C H E N. Sie vertritt die Menschen der Landkreise Altenkirchen und Neuwied im Deutschen Bundestag: Christdemokratin Ellen Demuth (43) spricht im Austausch mit der Siegener Zeitung über die Notwendigkeit einer Wirtschaftswende, die Zukunft der Rente und was in Berlin anders ist als im heimischen Wahlkreis.
Frau Demuth, Sie sitzen seit März im Bundestag, Friedrich Merz ist seit Mai Bundeskanzler. Was hat im politischen Berlin bislang am meisten Eindruck auf Sie gemacht?
Die hohe Schlagzahl und auch der Druck, der dort herrscht. Der Tag in Berlin beginnt um 7.30 Uhr und endet irgendwann kurz vor Mitternacht, wenn’s gut läuft. Die Termine sind im Halbstunden- oder Stundentakt. Das heißt: Jede Stunde eine neue Aufgabe, neue Gesprächs-partner, mit Akteuren, die uns gegenüber ihre Ziele durchbringen wollen. Das sind klassische Lobbyisten oder bei mir als Außenpolitikerin viele Botschafter, viele Politiker aus anderen Ländern. Wegen der hohen Arbeitsdichte, die in Berlin vorherrscht, kann ich Ihnen während der Sitzungswochen kaum noch sagen, welchen Wochentag wir eigentlich gerade haben.
Ob Stagnation oder Rezession: Aus der Wirtschaft kommen ständig neue Hiobsbotschaften. Gleichzeitig laufen den öffentlichen Haushalten die Kosten davon. Kippt hier ein komplettes System?
Unsere Wirtschaft ist in einer schwierigen Lage. Wir haben kaum noch Wachstum, Investitionen finden meist im Ausland statt, weil das Vertrauen in den Standort Deutschland nicht mehr so da ist. Da sind wir an einem kritischen Punkt, auch was viele Arbeitsplätze in Deutschland anbelangt. Da müssen wir ehrlich sein. Wir sind noch die drittgrößte Volks-wirtschaft, aber leider auch die Volkswirtschaft mit den höchsten Kosten für die Unternehmen. Da müssen wir im Jahr 2026 liefern und zum 1. Januar sind ja schon einige Gesetzesänderungen in Kraft getreten. Wir müssen den Trend dahin drehen, dass die Menschen durch weniger steuerliche Belastungen wieder Lust bekommen, Geld zu verdienen, dass es sich wieder lohnt, hier zu investieren.
Mit der Rente, um deren Zukunft es zuletzt Zoff gegeben hat, verhält es sich ähnlich prekär. Die wirklich starken Jahrgänge gehen in den Ruhestand und müssen von deutlich schwächeren finanziert werden. Kann nicht klappen, oder?
Bisher war das Verhältnis ungefähr eins zu vier, also mehrere arbeitende Menschen haben für einen Rentner gezahlt. Bald wird es eins zu eins sein. Viele Menschen, die demnächst in den Ruhestand gehen, haben ihr Leben lang hart gearbeitet, um ihre Rente, die ihnen versprochen worden ist, auf diesem Niveau zu erhalten. Die Rentenkommission ist seit Mittwoch eingesetzt. Ich bin gespannt, welche Vorschläge man dort bis Mitte des Jahres machen möchte. Da wird sicherlich das Renteneintrittsalter eine Rolle spielen. Wir müssen auch Anreize schaffen, wie zum Beispiel jetzt mit der Aktivrente, dass man steuerfrei dazuverdienen kann. Wir müssen auch sehen, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt so gut wie möglich integriert werden. Entsprechend muss die Kinderbetreuung weiter ausgebaut und verbessert werden. Und: Wir müssen auch über hoch qualifizierte ausländische Fachkräfte sprechen, um die Lücken zu schließen, die wir haben. So wie es jetzt läuft, geht das System auf jeden Fall nicht weiter.
Ukraine, Gaza, Venezuela: Krisenherde gibt es weltweit viele – und Deutschland wird augen-scheinlich immer öfter von diesen Ereignissen überrascht. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die weltpolitischen Geschehnisse an uns schlicht vorbeilaufen?
Das ist für viele Menschen in Deutschland, die bislang in einer friedlichen Weltordnung gelebt haben, eine große Umstellung. Ich fürchte, die Europäer sind manchmal etwas davon überrascht, wie bedeutungslos sie in den Augen von Trump oder Putin erscheinen. Es gibt viele geopolitische Player. Und wenn wir nicht zusammenfinden und uns weiterhin ausein-anderdividieren lassen, werden wir als EU bald keine Rolle mehr spielen. Viele Entscheidungen auf der Welt werden plötzlich ohne uns getroffen und wir werden nicht mehr freundlicherweise noch mit an den Tisch genommen. Bisher waren die USA unsere stärksten Verbündeten. Wir müssen auch alles versuchen, sie weiterhin im Boot zu halten. Aber darüber hinaus müssen wir schauen, wen wir noch für unsere europäischen Interessen gewinnen können.